Selbstversorger


In der Nachkriegszeit waren viele Dinge des täglichen Lebens knapp. Ein Zustand, den die neugegründete DDR nie ganz überwand. Wenn Dinge nicht knapp waren, dann waren sie teuer, zu teuer. Aus der Nachkriegzeit habe ich nur wenige Bilder, weil das Fotografieren Geld kostete. Auch war die Zeit recht knapp auf dem Bauernhof. Die Vielseitigkeit kostete Zeit, viel Zeit. Die Arbeitzeit für die Eltern und sonstige Hilfskräfte auf dem Hof begann um fünf Uhr in der Frühe mit dem  Melken  und endete mit der letzten Fütterung der Tiere zwischen 18 und 19 Uhr. Das Vieh musste im Winter sieben Tage in der Woche gefüttert werden. Die Kühe wurden zweimal am Tag gemolken. Dennoch waren meine Eltern auf der Sonnenseite ihres Lebens angelangt. Die Viehbestände wurden größer, die Felder wurden wieder gedüngt, die Erträge in der Landwirtschaft stiegen an. 


Es gab auf dem Land noch keine Gefriertruhen, keine   Kühlschränke. Die  Arbeitskleidung wurde mit der Hand gewaschen. Es  gab in den Bauerhäusern häufig eine extra Waschküche. Jedenfalls im etwas wohlhabenderen Ostholstein. Der Waschtag in der Woche war ein ganzer Tag für die Wäschepflege. Die Wäsche wurde mit Kernseife gewaschen Mein Vater richtete einen kleinen Raum neben der Waschküche als Bad her. Eine  runde Tonne aus Metall wurde mit Sägemehl  gefüllt. Mittig steckete ein großer Stab im Sägemehl Wenn der Stab ganz vorsichtig herausgezogen wurde, dann konnten glühende Kohlen  in den Hohlraum eingegeben werden. Es dauerte Stunden, bis die Glut die äußere Wand erreichte und den kleinen Baderaum zur Sauna machte. Eine halbe Stunde später war alles vorbei. 

Bad und Waschküche wurden erst nach dem Krieg in einem Anbau untergebracht. Die Ziegelsteine wurde mit Schlamm aus dem nahen See und reichlich Kalk vermauert. Es soll zeigen, dass die Nachkriegszeit wenig Charme hatte. Es war für Durchschnittsdeutsche eine Zeit hart am Existenzminimum. Als Kind kratzte ich Schneckengehäuse aus dem weichen Mörtel. 
Das Waschbrett, Wäscheruffel, oder Wäscheruppel ist ein Hilfsmittel zum Waschen von Kleidungsstücken bei der Handwäsche. Vor der Erfindung der Waschmaschine war es sehr verbreitet und es wird noch immer in Regionen benutzt, in denen Waschmaschinen rar sind, wie zum Beispiel in Indien oder in Afrika.

By Karde68 (Own work) [CC BY-SA 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)], via Wikimedia Commons


Waschrumpel



Die Gewinnung von Rübensaft war aufwendig. In den Lebensmittelgeschäften wurde Kunsthonig verkauft, der schmeckte auch so. Die Zuckerüben mit einem Gehalt von ca. 19 Prozent Zucker wurden gewaschen, geschnitzelt ,dann gekocht. Der Rohsaft wurde in einer  stundenlangen Prozedur durch Erhitzen vorsichtig eingedickt. Der Vorrat reichte dann für Monate.

Mein Vater baute Kartoffeln an. Die Kinder der Umgebung sammelten die gerodeten  Kartoffen . Ein Hektar brachte ca . 300 Dezitonnen  Kartoffeln. Diese Menge konnten wir in einem Jahr niemals alleine aufessen, obwohl ein Gericht ohne Kartoffen damals undenkbar war. Die Speisekartoffen wurden in der arbeitsarmen Winterzeit mühselig von Hand sortiert und die Überschüsse dann verkauft. 

Mein Vater baute Tabak an. Zigaretten waren die Währung der Nachkriegszeit. Das Kraut war aber von solch schlechter Qualtät, dass mein Vater Tabak nur einmal anbaute. Auch der Anbau von Senfpflanzen  war kein großer Erfolg. Zwar konnte jede Hausfrau damals ihren Senf alleine machen, aber wer brauchte schon zentnerweise Senf?

Dank vieler Hände war der Bauerngarten Lieferant von diversen Früchte und Gemüsearten.Die Früchte und Gemüse wurden eingekocht in eine besonderem Kochtopf mit Thermometer  . Die  bekannten Weck-Gläser durften in keinem Haushalt fehlen. Die bäuerliche  Ernährung folgte den Erträgen der Jahreszeiten. Im Frühwinter wurden ein oder zwei Schweine geschlachtet. Frostwetter war günstig  für die Fleischaufbewahrung und für den baldigen Verzehr. In den Sommermonaten gab es praktisch kein Fleisch, weil es an Möglichkeiten der Aufbewahrung mangelte. Die großen Fleischteile pökelte mein Vater mit viel Salz Die gesalzenen Fleischstücke kamen in die Pökeltonne im Keller. Für die Speckseiten , die Schinken und die Würste gab es einen Extra-Räucherraum.  Die Verfeuerung von  Koniferenholz (Fichtenholz) war streng verboten. Gutes Buchenholz gab guten Rauch. Der Rauch durfte nicht zu heiß sein. Die Prozedur des Räuchern dauerte einige Wochen im Jahr.  Das Buchenholz erwarb mein Vater auf der Holzauktion in Eutin. Die Fliegenlarven mochten auch gerne Schinken. Sie konnten den guten Schinken geschmacklich  ruinieren


Das Räuchern (in Österreich und Bayern auch Selchen[1], engl. smoken) ist ein Verfahren zur Konservierung bzw. Aromatisierung von Lebensmitteln, vorwiegend von Fisch und Fleisch.
Allan Benton
By Smokymountaineer (Own work) [Public domain], via Wikimedia Commons

Und nun das liebe Vieh. Die Milch wurde verkauft, abzüglich des Privatverbrauches. Den ganzen Sommer über hing der Abtropfbeutel der Dickmilch am Balken.Yoghurt war  noch nicht im Handel. Dickmilch mit reichlich Zucker gab es im Sommer jeden Abend. Das alles klappte nur, wenn viele Hände zupackten und die Helfer  mit Naturalien als Bezahlung zufrieden waren. Für Romantik war wenig Platz. Nur mit kapper Not überlebte ich meine Kindheit. Schlimme Krankheiten wie die Kinderlähmung grassierten. Es gab nur wenige Medikamente für Deutsche. Die Amerikaner hielten die lebensrettenden Antibiotika streng unter Verschluß. America first! Auch war der landwirtschaftliche Betrieb unfallträchtig, für Erwachsene  und besonders für Kinder. In einem Alter von drei Jahren war ich an allen Dingen interessiert, die Erwachsene so machen. Das Getreide wurde eingesackt und mit einer Winde auf den Speicher befördert. Aus welchem Grund auch immer. Ich fiel durch die geöffnete Lukentür  vier oder fünf Meter tief auf den  Dielenboden. Der Dielenboden war aus Stampflehm , er rettete mir das Leben. Einen Betonboden hätte ich nicht überlebt.

Schon früh im Kindesalter wurde ich dazu erzogen, aufmerksam zu sein. Wenn der Habicht ein Küken stehlen wollte, dann machte ich Radau.Der Fuchs fand auch Gefallen an den frei umherlaufenden Hühnern. Er war schlau und schwups war ein Huhn weniger im Stall. Die Hühner waren nur ein Teil des Federviehes. Da waren dann noch die Enten und die Gänse und die Puten. Letztere sollten ihren Nachwuchs selbst ausbrüten. Auch Tiere sind manchmal nervös, wenn es um den Nachwuchs geht. Meine Mutter gab der Putendame  morgens und abends einen Löffel Schnaps. Das beruhigte Mensch und Tier.

Dabei fällt mir ein, wir hatten einen eigenen Brutapparat. Die befruchteten Eier kamen in den elektrisch geheizten Brutschrank. Es gab noch keine Elektronik, nur Elektromechanik. Der Brutschrank gab eine bestimmte Temperatur vor. Wichtig war es, dass die Luft im Brutschrank nicht zu trocken war . Es wurden täglich  die Bruteier  mit Wasser eingepinselt und gedreht, so wie es die Vögel während der Brutzeit seit Millionen Jahre machen. Nach vier Wochen schlüpften dann die Küken. Das erwachsene Federvieh kümmert sich nicht um die Ernährung des Nachwuchses. Aber bei Küken ist eine Prägung da. Besonderns  Enten- und Gänseküken folgen dann den  Pseudoeltern, Auch  in die Küche, wenn es dort etwas zu fressen gibt. 

Und nun zu den kleinsten Nutztieren, den Tauben. Sie hatten einen eigenen Taubenschlag und waren 
weitgehend sich selbst überlassen. Manchmal kämpften die Tauben untereinander um Reviere, was meine Mutter auf den Plan rief. Sie streute Anis in den Taubenschlag. Da viele Tiere auf ihren Geruchssinn fixiert sind, können die Tauben Freund und Feind nicht mehr geruchsmäßig unterscheiden und es herrscht Ruhe im Stall. Auch Schweine legen Wert auf Verwandschaft. Essigwasser betäubt den Geruchssinn  und die Schweine können nicht mehr Freund und Feind unterscheiden. Das Einfachste ist es natürlich, die Schweinegruppen nicht zu verändern. Die Lebenserwartung von Mastschweinen beträgt etwa 100 Tage bei guter Fütterung mit Gerstenschrot wie es in Ostholstein der üblich  ist. Das deutet gleichzeitig darauf hin , dass die Tiere auf dem Bauernhof nicht zum Spaß gehalten wurden. Wenn  meine Eltern Appetit auf Huhn hatten, dann wurde ein Hahn geschlachtet. Ein Hahn für zwanzig Hühner reichte . Die übrigen Hähne wandern in den Kochtopf. 

Und noch etwas konnte ich als Kind noch nicht ansatzweise verstehen. Es kamen Leute auf den Hof, die wollten kleine Pillen verkaufen , die den Tieren unter die Haut implantiert wurden. Dadurch sollte die Mastzeit verkürzt werden. Die Pillen stammten aus Amerika und alles was aus Amerika kam, war damals gut und richtig. Mein Vater ließ sich nicht beschwatzen, denn die Fremden wollten Geld haben für ihre Pillen. Da waren mein  Vater und meine Mutter recht schwerhörig, wenn sie Geld bezahlen sollten. Die Ablehnung der Pillen aus Amerika war auch empfehlenswert, denn bei den Pillen handelte es sich hochdosierte Hormonpillen. Und da viele Bauern mit ihren Familien und den Hilfskräften auf den Hof teilweise Eigenversorger waren, kamen die Hormone auf den Mittagstisch. Es war in der Zeitung nachzulesen, dass Frauen ein Bart wuchs und die Männer ihrer Sexualität beraubt wurden. 

Für Romatik in Umgang mit den Tieren war wenig Platz. Es ging den Tieren auch häufig nicht besser als den Menschen in dieser Zeit. Krankheiten quälten die Tiere. Viele Tierkrankheiten sind nicht auf den Menschen übertragbar, obwohl die Behandlung beim Tier der Humanmedizin gleicht. Nur sind es häufig keine Einzeltiere Die behandelt werden, sondern ganze Bestände an Tieren. Und alle Nutztiere haben ihre "Weichstellen " gegen bestimmte Erkrankungen. Bei den Rindern war es die Tuberkulose, kurz TBC, die in den Beständen grassierte und in manchen Fällen auch auf den Menschen übertragbar war. Eigentlich sollte die Milch abgekocht werden. Aber Rohmilch schmeckte besser und das Risiko wurde inkauf genommen. Nun konnten in der Nachkriegszeit die wertvollen Tierbestände nicht einfach abgeschlachtet werden. Es sollte Jahrzehnte dauerern, bis durch Sektion der letzte Viehbestand tuberkulosefrei war. 

Eine  besondersn große Gefahr die  Huftiere war die Maul-und Klauenseuche. Die Infektionskrankheit richtetete die Viehbestände besonders übel zu. Huftiere verloren manchmal ihre Hufe. Abschlachten der Bestände war keine Lösung. Die Kühe stellten die Milchabgsabe ein, die Erkrnankung war sehr schmerzhaft für die Tiere . Es dauerte Monate, bis sich der Kuhbestand einigermaßen erholt hatte. Es sind nicht Krankheiten aus dem Lehrbuch, sondern Tierkrankheiten im Stall meiner Eltern. 


Eine Kuh wird nur  im Bestand verbleiben , wenn sie trächtig wird und ein Kalb zur Welt bringt. Nur dann liefert sie Milch und das Kalb kann als Ertrag angerechnet werden. Dabei kann vieles schiefgehen und  der Tierarzt kommt mit der Rechnung , die jeder Bauer selbst bezahlen muss. Der Tierarzt ist die Hoffnung bei Nutztiererkrankungen . Aber häufig ist er machtlos, weil es sich nicht lohnt eine alte Kuh zu therapieren. Gnadenbrot gibt es für Brauereipferde, für Kühe gibt es Nachsicht nur in Indien. 

Im Jahre 1950 war schon die neue Bundesrepublik da und jenseits der Demarkationsline begann die DDR . Für meine Eltern war 1950 bedeutsam, weil mein Bruder geboren wurde. Mit ihm musste ich hinfort die Aufmerksamkeit meiner Eltern teilen. Meine Oma im Hause verstarb und mein Opa folgte ihr bald durch Freitod nach. Die Flüchtlinge wurden ins Ruhrgebiet umgesiedelt, meine Eltern hatten endlich genug Raum. Ein eigenes "Wohnzimmer, ein eigenes Schlafzimmer und  ich bekam früh ein eigenes, ungeheitztes Zimmer. 


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