Noch eine Rede vom Schuldirektor mit einigen Ermahnungen und dann war die Mittelschule vorbei. Für meinen Vater stand fest , dass ich Hoferbe werden sollte. Mein Bruder besuchte das Gymnasium mit Erfolg. Er durfte studieren. Eigentlich wollte er Ingenieurwissenschaften der  Fachrichtung Maschinenbau studieren. Oder vielleicht auch Physik? Die Bedingungen für ein Studium waren nicht schlecht. Meine Bruder hatte volles Anrecht auf BAfÖG. Das Geld vom Staat brauchte nicht zurückgezahlt  zu werden.

Es kam noch etwas anderes hinzu: Der Sputnik Schock. Ausgehend von den USA merkten die Kultusminister, dass es noch etwas anderes gab als Goethe und Schiller:Die naturwissenschaftlichen Fächer bekamen Rückenwind, in der Schule und im Studium. Mein Bruder wandte sich an die Volkswagenstiftung und bekam eine Förderung. Erst die Kurzschuljahre . Die Bundeswehr stufte meinen Bruder als "nicht verwendungsfähig" ein.Das Berufsziel änderte sich in Richtung Gymnasiallehrer. Er studierte Mathematik für Gymnasiallehrer und Computerwissenschaften und dann auch noch Geographie für Gymnasiallehrer. Als er anfing zu studieren, da war noch er nicht einmal 20 Jahre alt. Er widmete sich voll dem Studium und brauchte nur sechs oder sieben Semester bis zum Examen. Dann sofort Referendariat und sofort bekam er  eine Stelle als Gymnasiallehrer in Bad Oldesloe. Er war 35 Jahre lang Lehrer in Bad Oldesloe.   Lübeck Bad Schwartau war sein Wohnsitz den er bis heute nicht gewechselt hat. Er hat eine Ernennungsurkunde und eine Entlassungsurkunde.


Nun hatte ich eigentlich nichts gegen Kühemelken und Schlepper fahren. Dennoch war ich nicht zufrieden. Mein Job war schlecht angesehen. Welches Mädchen, welche Frau wollte schon auf einem Kleinbetrieb Bäuerin spielen? Da hatten es ettliche   Ex-Schüler doch besser. Sie fanden ihren Job bei der Post und bei der Polizei. Die Bereitschaftpolizei war gleich in der nächsten Stadt. Mein Vater ahnte schon, dass es nichts mit der Polizei werden würde. Meine Mutter ermutigte mich und ich bewarb mich bei der Polizei und konnte schnell wieder nach Hause gehen, weil ich nur ein ausreichend im Fach Sport im Zeugnis vorweisen konnte. Um es gleich vorweg zu nehmen. Auch die Bundeswehr verzichtete auf meine Mitarbeit, aus medizinischen Gründen.. Langsam lernte ich, was meine Ex-Schuler verdienten. Was gutes Gehalt war und was ein schlechtes Gehalt war. Ich merkte, dass es meine Ex-Mitschüler teilweise viel besser hatten, weil sie bei gutem Wetter im Sommer mit den Mädchen mit dem Kleinkraftrad an den Ostseestrand  fuhren.

Gerade in der schönsten Jahreszeit hat die Landwirtschaft gut zutun. Das Heu musste geborgen werden, dann die Getreideernte, dann die Rübenernte etc. Das wurmte mich doch reichlich.  Einkommen und Arbeit auf dem kleinen Hof reichten noch nicht einmal für Vater und Sohn.  Mein Geld verdiente ich hinfort auf landwirtschaftlichen Betrieben in Holstein. Meine Gesellenprüfung machte ich mit ausreichend, ich hatte nichts gelernt. Zur Berufsschule musste ich einmal in der Woche. Das war recht angenehm, weil ich Lehrlinge auf anderen Betrieben kennenlernte und wir fleißig Informationen austauschten. Auf anderen Höfen sah es nicht viel besser aus, und mancher
Mitschüler   an der Berufsschule wartete nur noch darauf, beruflich in einen anderen Job zu springen..


Auch bei mir reifte der Entschluss,  einen anderen Job anzufangen. Neben der schweren Arbeit in der Landwirtschaft büffelte ich abends an der Berufsschule noch für das Abitur. Aber nur   einige Monate,, dann wechselte ich die Arbeitsstelle. Zwischenzeitlich hatte meine Mutter ihren Arbeistbereich in Küche Wohnung und Garten mechanisiert. Der Ofenherd blieb zwar zunächst in der Küche stehen. Aber in den Gefrierschrank passte ein ganzes geschlachtetes Schwein. Unser Hausschlachter nahm mich mit zum Schlachthof Schön in Preetz. Schichtbeginn war um sechs Uhr in der Frühe. . Der Betrieb lieferte Fleisch an  Abnehmer , die  Fleisch verkauften. . Schweinehälften schleppen war auch nicht unbedingt mein Berufswunsch. .Da war es schon schön, wenn die Sirene zum Frühstück oder zum Mittagessen aufrief. Fleisch hatte noch einen beachtlichen Wert. Um ihren Lohn aufzubessern, steckten Männer und Frauen gelegentlich Filetstücke in die Unterhose. Der Werkschutz kontrollierte die Frühstückstaschen, hatte aber keine Befugnis ,die Unterhosen der Arbeiter zu kontrollieren.- Nach einigen Wochen der schweren Arbeit bekam ich doch wieder Sehnsucht nach der Landwirtschaft, obwohl ich dort nur die Hälfte des Lohnens bekam, wie er in der Lebensmittelindustrie üblich war. 


Volles Arbeitspensum in den Monaten Frühling, Sommer und Herbst. Arbeitsflaute im Winter. Es war an der Zeit , die Landwirtschaftschule im Winter zu besuchen.   Da schnitt ich dann schon viel besser ab. Es wurde mir auch leicht gemacht. Die Landwirtschaftsräte hatten im Winter auch nicht viel zutun. In meiner Klasse waren wir sechs Landwirtschaftschüler. Zwei Schüler hatten große Probleme mit Lesen, Rechnen und Schreiben. Zwei Schüler konnten ein Volksschulzeugnis vorlegen und zwei Schüler  die mittlere Reife  Dazu gehörte ich. Die Landwirtschaftsschulen waren in der Hauptsache Wirtschaftsberatungsschulen. Etliche Schulen verfügten über ein kleines Labor. Der Landwirtschaftdirektor (A 16) hatte gute Beziehungen zu Musterbetrieben im Kreis Ostholstein. Die Arbeit der Landwirtschafträte gefiel mir. 

Die Landwirtschaftsschule gefiel mit noch aus einem anderen Grund nachhaltig. . Es gab auch eine hauswirtschaftlichen Abteilung mit Internat. Da war nur schwer ranzukommen. Die sexulle Freiheit hatte noch nicht gesiegt. Ganz im Gegenteil. Wer sich als männliches Wesen dort aufhielt , wo nur die jungen Damen Zutritt hatten, wurde der Schule verwiesen. Das ging ganz fix. 

Give me a date. die jungen Damen mussten schon mitspielen. Wir trafen uns in der Stadt im Cafe. Oder in der Kneipe. Mehr war leider nicht drin und was kommen sollte, wurde der Phantasie überlassen. Mit 18 Jahren konnte ich endlich den Führerschein machen. Dadurch verbesserten sich die Möglichkeiten,den jungen Damen näher zu treten. Für den Mann vom Lande war ein Auto sehr wichtig. Hamburg und Lübeck und Kiel waren in Reichweite und nur der ständig leere Portemonai bremste meinen Tatendrang. Dann war ich auf einem Betrieb in Passade bei Schönberg in Holstein. Es gab wie üblich viel Arbeit und wenig Brot. Aber es reichte für den Starpalast . Da waren wir dann in Kiel -Gaarden. Die Musikszene hat mich mächtig beeindruckt . Da war ich am Sonntag -Nachmittag und nuckelte eine Flasche Bier für drei Deutsche Mark West..die Stimmung gefielt mir, auch wenn ich zum Kennelernen junger Mädchen noch zu schüchtern war
 

Eine Saison später arbeite ich auf einem großen landwirtschaftlichen Betrieb in der Nähe von Haffkrug/Ostsee . Es war ein Job als Traktorist. Die Landmaschinen gehörten ins Museum. Das starten eines Land-Bulldogs war gefährlich. Der Glühkopfmotor leistete mit einem Zylinder   13 PS. Das Schwungrad wog wohl 200 Kg. Erst musste der Glühkopf mit einer Benzinlampe erhitzt werden, Dann wurde das Steuerrad in das Schwungrad gesteckt und nur begann der gefährlichste Teil. Am Steuerrad wurde mit aller Kraft gedreht. Wenn es guter Tag war, dann zündete der Dieselkraftstoff und die Schwungmasse kam schnell auf Touren . Jetzt musse das Steuerrad schnell aus der Schwungmasse gezogen werden. Dabei konnte einem das schwere Steuerrad an den Kopf fliegen. . Das konnte mit dem Tod enden.  Weil die Startprozedur schwierig war, lief der Schlepper den ganzen Tag und wurde nicht abgestellt. . Das Gefährt hatte keine Elektrik, gar keine.  Für Mäharbeiten hatte ich einen Allgeier -Traktor . Der Start erfolgte mit einer ein Zündpatrone , die den Motor auf Trab brachte. Es war ein Direktverdampfer, der am am Tag gut und gerne 100 Liter Wasser verbrauchte. . An gewöhnlichen Tagen führ ich einen Ford-Traktor. Die Feldstücke zur Bearbeitung waren groß, aber Punkt sechs Uhr am Abend war Feierabend.
 Der Tanzschuppen hatte die neuesten Platten aus den USA und aus England. Die Musik der Beachboys  faszinierte mich.. Mit dem Musikhören konnte ich den ganzen Abend verbringen. Dann kam für mich eine schwere Entscheidung. Ich sagte meinem Vater, dass ich zur Heimvolkshochschule nach Rendsburg wollte. Er war außer sich , hielt da alles für Blödsinn-. Er drohte mir, mich finanziell auszutrocknen. . Das war keine leere Drohung, dass war eine Kampfansage. Meine Habseligkeiten passten in einen kleinen Karton. In Eutin löste ich eine Bahnkarte nach Rendsburg. Die damalige Heimvolkshochschule stand in der skandinavischen Tradition, dass auch Erwachsene sich weiterbilden.. Die Teilnehmerschar war sehr bunt. Sie reichten von einer jungen Dame aus Mittelamerika hin zu skandinawischen Teilnehmern und deutschen Teilnehmern  . Wobei Teilnehmer aus der Landwirtschaft eine kleine Gruppe bilden. Die sexuelle Befreiung auf dem Lande  ließ auf sich warten. Wer als Mann im Trakt der Damen erwischt wurde, durfte ein Ticket nach Hause buchen.


Angeboten wurde u,a,eine Vorbereitung auf die Begabtenprüfung zum Einstieg in das Lehrerstudium. Das habe ich erst später begriffen. Ich wollte im Herbst  67 an die Höhere Landbauschule in Schleswig. Die Schule wurde etwas später zur Fachhochschule aufgewertet. Ich wollte vorzugsweise Mathematik einüben. Das gelang mir nur teilweise, weil ich andauernd gestört wurde und  bei Kneipenbesuchen konnte ich nicht nein sagen. Eine Exkursion führte uns nach Berlin. Daort organisierten wir uns in kleinen Gruppen .Meine Gruppe hatte einen Mann, das war ich ,und zwei Damen. Wir waren schon vorher instruiert worden: Wir sollten nach Alt-Glienecke mit dem Zug fahren und dort eine LPG aufsuchen und später einen Vergleich anfertigen : Landwirtschaft in der DDR und Landwirtschaft in der Bundesrepublik. Und so machten wir es auch. Der LPG-Leiter holte seinen Trabbi aus dem Stall und wir machten ein Tour zu den Riesenfeldern. Kartoffeln wurden reichlich angebaut,  auch Roggen und Gerste. Große Unterschiede in der Pflanzenproduktion fielen mir nicht auf.

Das 
 änderte sich, als der LPG-Leiter mich fragte, ob ich  Ostmark gegen Westmarkt tauschen wollte,. Das hatte ich bis dato nicht so recht begriffen. Das lehnte ich höflich ab, weil ich für die Mark der DDR keine Verwendung hatte.Auf dem Bahnhof wurde ich wurde ich angesprochen. Jemand wollte meine Jeans kaufen. Gegen reichlich Ostmark. Wieder lehnte ich ab, weil ich für die Ostmark einfach keine Verwendung hatte.  Jedenfalls verdichtete sich bei mir der Eindruck, dass etwas Oberfaul war in der DDR. Das war mein erster Eindruck von der DDR und es sollten zahlreiche Besuche in der DDR folgen, solange es die DDR noch gab. Dafür hatte ich noch gut 20 Jahre Zeit.